Wo München, Berlin oder Hamburg keine Metropolen sind

Metropolen wie New York, Boston, L.A., Philadelphia oder Washington stehen meist ganz oben auf der Liste der bei Reisenden beliebtesten Städte in den USA. Ebenfalls hoch im Kurs: Rundreisen oder eine Tour über die Route 66. Kaum jemand kommt aber auf die Idee, den Spuren deutscher Einwanderer zu folgen, die über die Jahrhunderte die Vereinigten Staaten für sich entdeckten. Passende Reiseziele sind schnell gefunden, schließlich spürt man in jedem Bundesstaat Dutzende Ortsnamen mit deutschem Ursprung auf. Es liegt auf der Hand, dass sich hier einst Neuankömmlinge ansiedelten und in die Ortsgründung ihre Wurzeln einfließen ließen. Selten aber entwickelten sich diese Städtchen dann zu echten Metropolen. Ganz im Gegenteil blieben viele eher ein kleines Kaff. Reizvoll kann eine solche „Deutschland-Rundreise“ dennoch sein – schon wegen der unbekannten Regionen, in denen diese Ortschaften liegen. Neugierig geworden? Hier sechs Beispiele, natürlich jeweils ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.

 

Berlin

„Ich bin ein Berliner“ – das traf wohl auf eine große Zahl amerikanischer Neubürger zu, denn der Name der deutschen Hauptstadt findet sich etwa 40 Mal in den unterschiedlichsten Bundesstaaten. Doch selbst zusammengenommen dürften alle diese Orte es aktuell nicht auf die Einwohnerzahl der Spree-Metropole bringen. Immerhin gut 2.000 Menschen leben in Berlin (Pennsylvania), rund 120 Kilometer südöstlich von Pittsburgh. Im von Amischen stark besiedelten Holmes County im US-Bundesstaat Ohio, knapp 100 Kilometer nordöstlich von Columbus, liegt ein weiterer Ort namens Berlin. Mit seinen rund 3.500 Einwohnern ist Berlin (Ohio) der größte Ort dieser Glaubensgemeinschaft, deren Ursprung in der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas liegt. Eine echte Idylle ist Berlin (New Hampshire) am Androscoggin River, in dem über 10.000 Einwohner leben. Ganz in der Nähe dieser von Wäldern umgebenen Kleinstadt lockt das Wintersportgebiet Presidential Range am 1.917 Meter hohen Mount Washington. Auch wer Boston besucht, hat es nicht weit nach Berlin (Massachusetts), das knapp 50 Kilometer östlich liegt. Dieses 2.000-Seelen-Örtchen erhielt seinen Namen zu Ehren der Freundschaft George Washingtons mit dem Preußenkönig Friedrich dem Großen. An den Ufern des Fox River leben knapp 6.000 Berliner, etwa 125 Kilometer nordöstlich ihrer Hauptstadt Madison im US-Bundesstaat Wisconsin. Das Stadtzentrum ist übrigens als „Huron Street Historic District“ im Nationalregister historischer Plätze der USA zu finden. Gut 30 Kilometer östlich von Albany stößt man dann zwar nicht auf den Fernsehturm, dafür aber auf den 859 Meter hohen Berlin Mountain – und auf ein ländliches Berlin (New York) mit nicht einmal 2.000 Bewohnern.

 

Hamburg

Ein wirklich schönes Reiseziel ist Hamburg (New York). Wenige Kilometer südlich von Buffalo zieht sich die 56.000-Einwohner-Stadt am Ostufer des Eriesees über eine Fläche, die etwa der von Kassel entspricht. Nicht weit entfernt tosen die Niagarafälle. In Hamburg angesiedelt ist das „Lake Erie Seaway Trail Center”, ein Besucherinformationszentrum mit saisonalen Ausstellungen. Hamburg (Pennsylvania) am Schuylkill River ist ebenfalls interessant. Zwar ist dieser Ort mit etwas mehr als 4.000 Bewohnern sehr klein, doch wunderschön gestaltet. Gut 110 Kilometer westlich von Philadelphia kann man hier einen Streifzug durch die europäische Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts unternehmen. Zudem überrascht das Städtchen mit idyllischen Parks und mehreren Seen in unmittelbarer Umgebung. Im US-Bundesstaat Wisconsin findet man Hamburg gleich zwei Mal: Hamburg im zentral gelegenen Marathon County ist eher ein Dorf mit nicht einmal 1.000 Einwohnern, aber immer noch größer als Hamburg im südöstlichen Vernon County. Zwar beherbergen unter anderem auch Illinois, Iowa und Minnesota Orte namens Hamburg, doch sind diese so klein, dass man sie auf Karten kaum findet oder sie fristen wie Hamburg (South Carolina) inzwischen sogar ihr Dasein als Geisterstädte.

 

München

Aus der bayerischen Landeshauptstadt gab es entweder nur wenige Auswanderer Richtung Amerika, oder ihnen gefiel ihre Stadt damals nicht gut genug. Selbst wenn man berücksichtigt, dass sich Amerikaner mit Umlauten schwertun: Munich gibt es in kaum einem Bundesstaat. Und wenn doch, dann handelt es sich um völlig unscheinbare, winzige Orte wie das 300-Seelen-Dorf New Munich (Minnesota) oder Munich (North Dakota) mit noch weniger Bewohnern.

 

Heidelberg

Die ehemalige kurpfälzische Residenzstadt behielten offensichtlich so einige Einwanderer in guter Erinnerung, denn der Ortsname Heidelberg findet sich in den US-Bundesstaaten Ontario, Kentucky, Minnesota, Mississippi, Pennsylvania und Texas. Außer der Stadt Heidelberg (Pennsylvania) südwestlich von Pittsburgh, deren 1.200 Einwohner sich mit einer erfolgreichen Amateurfußballmannschaft hervortun, verfallen die anderen Heidelbergs allerdings zunehmend bis zur Bedeutungslosigkeit.

 

Köln

Zwar gibt es in den USA keine Stadt, die Köln heißt. Doch gelten aus Köln stammende Siedler als Gründer von Cologne (Minnesota). Knapp 50 Kilometer von Minneapolis entfernt leben heute etwa 1.500 Menschen in diesem Ort. Neben dem 1880 errichteten Haus des Stadtgründers blieben in Cologne diverse geschichtsträchtige Gebäude erhalten. Darüber hinaus gibt es Parks, einen Golfplatz sowie ein Arboretum. Weitere – inzwischen unbedeutende Orte namens Cologne beherbergen die US-Bundesstaaten New Jersey, Texas und Virginia. Immerhin waren sie dem Präsidenten John F. Kennedy noch bekannt genug, denn bei seinem Besuch in Köln im Juni 1963 sagte er: „Ich bringe Ihnen Grüße aus den Städten Amerikas, einschließlich der Einwohner von Cologne, Minnesota, Cologne, New Jersey, und Cologne, Texas.”

 

Frankfurt

Dass es in den USA kein Frankfurt gibt, verwundert nicht. Erst recht nicht, wenn man weiß, dass die Auswanderer in ihrem Dialekt Frankfort sagten. In den Vereinigten Staaten heißen über 20 Orte Frankfort oder Frankford. Blickt man allerdings in die Geschichte all dieser vermeintlichen „Zwillingsstädte“, so stellt man fest, dass für die wenigsten von ihnen tatsächlich die deutsche Stadt Namenspate stand. Oft beruhen die Ortsnamen auf Personen, deren Vor- oder Nachnamen „Frank“ die Stadtgründer mit einem bestimmten regionalen Ereignis verbanden. Das trifft auch auf Frankfort (Kentucky) zu, seit 1792 Hauptstadt des US-Bundesstaates Kentucky. Der Name dieser 25.000-Einwohner-Stadt geht auf den Pionier Stephan Frank zurück, der 1780 an einer Furt des Kentucky Rivers ums Leben kam. Die Gründungen von Frankfort (New York), Frankford (Delaware), Frankfort (South Dakota) und Frankfort (Ohio) gehen hingegen nachweislich auf deutsche Siedler zurück, was auch an den historischen Bauwerken dieser Orte unschwer erkennbar ist.